«Der Morgen mit den Kindern ist ein Highlight»

07.07.2017 - Mitteilung

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Für die Kinder im Schulhaus Gutenberg in Winterthur ist die Anwesenheit von Seniorinnen und Zivildienstleistenden im Klassenzimmer eine Selbstverständlichkeit.

Text: Charlotte Spindler Fotos: Hannes Heinzer

Rita Studer, Lehrperson an der Aufnahmeklasse im Schulhaus Gutenberg in Winterthur-Töss, hat an die Wandtafel geschrieben, was an diesem Montagmorgen auf ihre Mittelstufenschülerinnen und -schüler wartet: links die Mitteilung, an diesem Tag werde ein neuer Schüler in ihre Klasse kommen, rechts den Arbeitsplan bis zur Mittagspause.

Tische und Bänke im Schulzimmer sind zu einem losen Hufeisen zusammengeschoben; für Einzelarbeiten stehen drei Arbeitsplätze zur Verfügung. Jonas Link, der Zivildienstleistende, der seit einem halben Jahr im Schulhaus im Einsatz ist, hat sich neben den neuen Schüler gesetzt und schaut mit ihm die Mathematik-Blätter durch. Deutsch versteht der Junge nicht, doch mit den Rechenaufgaben scheint er kaum Mühe zu haben; er fängt gleich an, selbstständig die Aufgaben zu lösen. Ella Schmid, ehemalige medizinische Laborantin und seit vier Jahren im Projekt «Generationen im Klassenzimmer» engagiert, liest mit den Kindern ein Übungsblatt: «Opas Geburtstag». Für das Lesetraining kommen die 10 bis 13 Jahre alten Schülerinnen und Schüler einzeln an Ella Schmids Pult; sie lesen den Text vor, manche selbstsicher, andere etwas stockend. Ella Schmid fragt nach, schaut, ob die Kinder verstehen, wovon die Rede ist, und lässt sie Satzanfänge verbessern. Ella Schmid hat nach der Pensionierung einen Kurs über Freiwilligenarbeit besucht und machte ihre ersten Erfahrungen als Freiwillige in der Betreuung von Multiple- Sklerose-Patienten. Neben dem Montagmorgen in der Klasse von Rita Studer engagiert sie sich in einem Begegnungszentrum für ältere Menschen in Winterthur.

Individuell und flexibel

Die Einzelbetreuung ist sinnvoll, denn in Rita Studers Aufnahmeklasse mit derzeit 13 Schülerinnen und Schülern aus Ländern wie Kanada, Thailand, Italien oder aus der Karibik sind die Sprachkenntnisse sehr unterschiedlich. Rita Studer: «Wir müssen ganz individuell und flexibel arbeiten; wir haben Kinder, die von Haus aus Französisch oder Englisch sprechen, und einer der Buben ist mit der arabischen Schrift aufgewachsen – das ist eine grosse Herausforderung, auch im Fremdsprachenunterricht. Unsere Kinder sind ein Jahr bei uns und sollten dann in eine Regelklasse übertreten können.»

In einer anderen Ecke des Schulzimmers hat Marcia Schoenberg ihren Laptop aufgeklappt. Mit einem Jungen aus Kanada macht sie, die selbst in den USA und in Wales aufgewachsen ist, Mathematik und kann ihm, wenn nötig, auf Englisch etwas erklären. Marcia Schoenberg war ursprünglich Lehrerin, kam vor 43 Jahren in die Schweiz und arbeitete zuletzt an der ETH Zürich. «Nach der Pensionierung habe ich mich umgeschaut, welche Freiwilligeneinsätze mir gefallen könnten», erzählt sie. Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern gefällt ihr ausserordentlich gut. «Der Montagmorgen an der Schule ist das Highlight der Woche», lacht sie.

Einsatz soll Freude machen

Rita Studer plant die Einsätze der Seniorinnen im Unterricht sorgfältig. Dass es nun zwei sind, ist zwar unüblich, aber durchaus willkommen. Und in ihrer heterogenen Klasse, wo die Kinder über einen so unterschiedlichen Wissensstand verfügen, ist auch der Zivildienstleistende Jonas Link eine wichtige Stütze. In der Regel sind die Seniorinnen drei bis vier Stunden pro Woche hier. Rita Studer achtet darauf, dass die Seniorinnen ihren Einsatz als abwechslungsreich erleben; zwischendurch gibts auch gemeinsame Aktivitäten, ein Spiel zum Beispiel, bei dem alle mittun.

Im Schulzimmer herrscht eine arbeitsame Atmosphäre, auch wenn die Kinder mit ihren Übungsblättern und Heften zwischen Ella Schmid, Marcia Schoenberg und Jonas Link zirkulieren. Mit sechs Kindern arbeitet Rita Studer konzentriert an Dreisatz-Aufgaben. Dann ist grosse Pause: Die Kinder rennen ins Freie. Jonas Link kümmert sich um die Ausgabe der Spielgeräte; Pausenaufsicht darf der «Zivi» nicht alleine machen. Jonas Link, 20, ist ein sportlicher junger Mann, Kunstturner, Pfadi-Führer, gelernter Zimmermann, der sich bereits jetzt überlegt, einen pädagogischen Beruf zu ergreifen. Über die Website E-Zivi ist er auf den Einsatz an der Schule Gutenberg gestossen und wird möglichst ein ganzes Jahr hierbleiben. Er hat eine ruhige, freundliche Art, mit den Kindern umzugehen. Als «Zivi» wird er überall gerne eingesetzt – im Kindergarten, im Hort und in der Schule; seine handwerklichen Fähigkeiten werden ebenfalls sehr geschätzt.

Bis zum Mittag sind die Kinder mit ihren je individuellen Aufgaben so gut wie fertig. Rita Studer gibt ein Zeichen mit dem Triangel: Jetzt bitte noch einmal volle Aufmerksamkeit! «Ihr habt es supergut gemacht», lobt sie. «Wir gehen jetzt nochmals durch, was wir heute Vormittag alles auf dem Programm hatten.» Was abgeschlossen ist, wird von der Liste an der Wandtafel abgehakt: Rechentraining, Deutsch, Lesen, Pause, Geschichten korrigieren. Dann fragt sie scherzhaft in die Runde: «Und wie hat es Frau Schmid gemacht? Wie hat es Frau Schoenberg gemacht? Wie hat es Herr Link gemacht?» Alle rufen durcheinander: «Guuut!» Ella Schmid lächelt: «Auch einer erfahrenen Seniorin im Klassenzimmer kann ein so positives Feedback Freude machen.»

Ein Senior im Kindergarten

«Seit sieben Jahren arbeiten wir an unserer Schule mit Seniorinnen und Senioren; zurzeit sind es drei», sagt Schulleiterin Marianne Trüb. «Ein Senior ist jeweils an einem Halbtag im Kindergarten und begleitet die Gruppe in den Wald.» Marianne Trübs Schule, die auf vier Gebäude verteilt ist, braucht viel Personal. Seit Langem sind im Schulhaus Gutenberg auch Aufnahmeklassen untergebracht, also Kinder und Jugendliche, die aus dem Ausland zugezogen sind.

«Unsere Erfahrungen mit den Seniorinnen und Senioren sind positiv, nur in ein paar wenigen Fällen hat die Zusammenarbeit nicht funktioniert», meint Marianne Trüb. «Die Kinder schätzen die Anwesenheit der Seniorinnen, sie geniessen es auch, jemanden zu haben, der ganz für sie da ist und zwischendurch mit ihnen im Gruppenraum ruhig an einem Thema arbeiten kann.» Der administrative Aufwand für die Schule ist nicht gross. Die Einführung der Seniorinnen und Senioren übernimmt die Lehrperson. «Für die Senioren ist der Einsatz aber immer freiwillig», betont Marianne Trüb. «Wenn sie an einem Tag verhindert sind oder Ferien machen, ist das durchaus in Ordnung!»

Der Einsatz der Zivildienstleistenden läuft über das Militär und dauert in der Regel ein halbes Jahr, kann aber verlängert werden. Wer sich für einen Aufenthalt an einer Schule interessiert, wird zuerst zu einem Probetag eingeladen. Auch mit den «Zivis» macht Marianne Trüb gute Erfahrungen, und im Klassenzimmer funktioniere die Zusammenarbeit zwischen den jungen Männern und den Senioren reibungslos.

   
     

Ein etabliertes Projekt

«Generationen im Klassenzimmer» (in der Stadt Zürich «Seniorinnen und Senioren in der Schule») heisst das Projekt von Pro Senectute Kanton Zürich, das Freiwillige an die Schulen vermittelt. Seit 2001 gibt es das Angebot, nicht nur im Kanton Zürich, sondern auch in anderen Kantonen. Die Seniorinnen und Senioren sind ehrenamtlich tätig. Die Vermittlung übernimmt Pro Senectute Kanton Zürich, die mit den Schulen eine Leistungsvereinbarung abschliesst. Ariane Schwickert, bei Pro Senectute Kanton Zürich für das Projekt zuständig, sagt: «Unser Projekt ist gut etabliert, und die Erfahrungen sind sehr positiv. Die Senioren im Klassenzimmer sind die grösste Freiwilligengruppe von Pro Senectute Kanton Zürich. Das Interesse ist unvermindert gross. 2015 waren 841 Seniorinnen und Senioren im Einsatz, letztes Jahr 857.» Das Volksschulamt, das «Generationen im Klassenzimmer» als willkommene Ressource für die Schulen und als wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen den Generationen schätzt, hat auf Anfrage von Pro Senectute Kanton Zürich einen Kurs zu schulspezifischen Themen organisiert, wenn auch nicht als regelmässiges Angebot für die Seniorinnen und Senioren.

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