«Der Aufbau von Vertrauen benötigt Zeit»

07.07.2017 - Mitteilung

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Worauf kommt es beim Übertritt in die Sekundarstufe an? Und was müssen die Lehrpersonen beachten? Zoi Dellios und Erich Steiner haben sich in Forschungsarbeiten intensiv mit dieser Frage beschäftigt.

Text: Reto Heinzel

Vor dem Übertritt in die Sekundarschule werden alle Schülerinnen und Schüler einer Abteilung zugeteilt. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Herausforderungen für die Lehrpersonen?

Erich Steiner: Die grosse Herausforderung liegt bei solchen Schülerinnen und Schülern, deren Notenschnitt sich im Bereich 4 bis 4,5 bewegt. Während sich bei denjenigen im unteren und oberen Leistungssegment bereits Ende der 5. Klasse recht klar abzeichnet, wohin es in der Sekundarstufe gehen dürfte – in die Sek B oder Sek A, möglicherweise auch ins Gymi –, ist bei ihnen zu diesem Zeitpunkt keine klare Aussage möglich.

Zoi Dellios: Die Zuteilung steht ja am Ende eines längeren Prozesses, während dem ein Austausch zwischen Lehrperson, Eltern und Kind stattfindet. In dieser Zeit wird auch Druck aufgebaut.

Inwiefern?


Dellios: Lehrpersonen wollen jedes Kind möglichst optimal platzieren. Es soll in die Abteilung kommen, in der es sich gut entwickeln und seine Ressourcen am besten einsetzen kann. In welcher Abteilung dies der Fall sein wird, lässt sich bei einem unsicheren Zuweisungsentscheid vorgängig jedoch kaum sagen. Kommt dazu, dass nicht alle Beteiligten die Sachlage gleich einschätzen.

Und diese unterschiedlichen Einschätzungen können dann zu Spannungen führen…


Steiner: Genau. Lehrpersonen haben ja den Auftrag, jede Schülerin und jeden Schüler gemäss den vorhandenen Fähigkeiten einzuteilen. Gleichzeitig müssen sie einen gesellschaftlichen Selektionsauftrag wahrnehmen. Die Eltern dagegen nehmen eine partikularistische Position ein: Sie wollen das Beste für ihr Kind. Das heisst allerdings meistens: Das Kind soll bezüglich des weiteren schulischen und beruflichen Werdegangs möglichst gut positioniert sein. Unter Umständen treffen also zwei unterschiedliche Sichtweisen und Interessen aufeinander. Das kann zu Spannungen führen, die gerade bei einer unsicheren Prognose aufbrechen können.

Wie lässt sich das verhindern?


Steiner: Indem man schon zu Beginn der Mittelstufe beginnt, sich mit dem Übertritt auf die Sekundarstufe auseinanderzusetzen. Das heisst natürlich auch, dass die Zusammenarbeit zwischen Lehrperson und Eltern früh beginnen sollte. Denn der Aufbau von Vertrauen benötigt Zeit.

Dellios: Neben dem Austausch zwischen Eltern und Lehrperson ist noch etwas anderes wichtig: dass es nicht zu früh zu einer «Schubladisierung» kommt. Die Diskussion sollte darum stets förderorientiert und auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes gerichtet sein.

Welche konkreten Möglichkeiten hat die Lehrperson, das Vertrauen zu den Eltern herzustellen?


Dellios: Hier bieten sich die klassischen Elternabende und -gespräche an, die gesetzlich vorgegeben sind. Wertvoll sind auch die informellen Gefässe wie das Tür-und-Angel-Gespräch. Dazu kommen Informationsschreiben oder das Kontaktheft. Ganz wichtig ist dabei, dass in diesem Heft nicht nur negative, sondern auch positive Beobachtungen und Bemerkungen notiert werden. Die Lehrperson hat deshalb ein Interesse, sich mit den Eltern über Ziele und Werte zu unterhalten und die gegenseitigen Erwartungshaltungen zu klären. Den Eltern muss auch die Durchlässigkeit innerhalb der Sekundarstufe klar sein.

Steiner: Die Lehrperson hat eine Informationspflicht, darin stimmen nach unseren Erkenntnissen die meisten Lehrpersonen mit den Eltern überein. Das kann man offensiv angehen, indem man den Unterricht transparent macht gegenüber den Eltern, Lernbeobachtungen schildert und erklärt und nicht nur über Leistungsergebnisse und das Sozialverhalten spricht. Lehrpersonen können sich so als Lernexperten zeigen und Akzeptanz erzeugen.

Haben schliesslich alle Eltern den Einstufungsvorschlag der Lehrperson akzeptiert?


Dellios: Nur in zwei der zwanzig Fallfamilien, die wir mittels Interviews intensiv über neun Monate vor dem Übertritt begleitet haben, hielten die Eltern an ihren Erwartungen fest. Sie beharrten darauf, ihr Kind in eine bestimmte Abteilung der Sekundarstufe einzuteilen. Abweichende Argumente der Lehrperson liessen diese Eltern nicht gelten. Die anderen Eltern haben am Schluss mehr oder weniger überzeugt den Vorschlag der Lehrperson mitgetragen.
Die wenig Überzeugten haben auf einen Wechsel in die Sek A beim nächsten Umstufungstermin gehofft, was bei zwei Kindern dann auch eingetroffen ist.

Wie sieht es auf der Seite der Lehrpersonen aus?


Steiner: Sie befinden sich während des Übertrittsverfahrens in einer anspruchsvollen Situation. Sie müssen eine Gesamtbeurteilung vornehmen. Einerseits müssen sie die Leistungen in den verschiedenen Fächern, andererseits das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten berücksichtigen. Die Lehrpersonen sind stets die Handelnden in diesem Prozess, sie haben das Vorschlagsrecht. Darauf müssen die Eltern reagieren.

Sie haben die Phase des Übertritts intensiv erforscht. Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Befragung von Lehrpersonen und Eltern gewonnen?


Steiner: Ein Teil der von uns befragten Lehrpersonen hielt sich möglichst buchstabengetreu an den vorgeschriebenen Fahrplan. Sie informierten die Eltern laufend über den Entwicklungsstand, hielten aber gleichzeitig eine gewisse Distanz ein.

Dellios: Diese Lehrpersonen waren klar in der Mehrheit. Sie boten den Dialog an. Und der Zuteilungsentscheid erfolgte idealerweise gemeinsam.

Steiner: Eine weitere Gruppe von Lehrpersonen praktizierte äusserst aufwendige Übertrittsverfahren. Sie waren emotional stark involviert und kannten die Situation in den einzelnen Familien sehr gut. Dies führte allerdings zum Teil zu Entscheiden, die dem Kind oder den Eltern zuliebe gefällt wurden.

Welche Strategien wurden sonst noch gewählt?


Steiner: Eine kleine Gruppe von Lehrpersonen beharrte auf ihrer Einschätzung und zeigte wenig Kooperationswillen. Diese Lehrerinnen und Lehrer achteten vor allem darauf, ob die 4,5 in den Leistungsfächern erreicht wurde oder nicht, obschon das vom Verfahren her eigentlich nicht zulässig ist. Den Einschätzungen der Eltern standen sie grundsätzlich kritisch gegenüber. Sie betonten ihren Expertenstatus und vertraten die Position: «Ich weiss es letztlich besser als die Eltern.» Gerade, aber nicht nur in dieser Gruppe wurde auch die Sandwichposition oft angesprochen.

Sandwichposition?


Steiner: Ja. Sie sehen sich irgendwo zwischen den Bedürfnissen der Eltern und den Ansprüchen der Sekundarlehrpersonen. Diese Lehrpersonen haben beim Zuteilungsentscheid dann oft ebenso stark auf die von ihnen wahrgenommenen Erwartungen der abnehmenden Lehrpersonen geachtet wie auf die Bedürfnisse und Sichtweisen der Eltern.

Aber wieso eigentlich?


Steiner: Stellen Sie sich vor: Wenn eine Mittelstufenlehrperson drei Schüler in die Sek A einstuft, die dann von den Seklehrpersonen später abgestuft werden, kann das als sehr unangenehm empfunden werden, weil damit ein Stück weit die eigene Professionalität infrage gestellt wird. Der Druck steigt, es bei der nächsten Zuteilung besser zu machen. Das kann dazu führen, dass die Mittelstufenlehrperson eher an ihre Kolleginnen und Kollegen denkt, mit denen sie beruflich weiterhin zu tun haben wird, als an die Eltern.

In welchem Fall kann man von einem guten Übertritt sprechen?


Steiner: Aus Sicht der Lehrperson ist dies sicher der Fall, wenn sie ihre Einschätzung und ihre Beurteilung so kommunizieren kann, dass sie bei den Eltern auf Akzeptanz stösst. Die Eltern empfinden den Übertritt als gut, wenn sie wahrnehmen, dass die Lehrperson das Kindswohl betont. Dass es ihr nicht nur um die Leistung geht, sondern dass sie Interesse an der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zeigt und sich hierfür stetig bemüht, die Sichtweisen und Erfahrungen der Eltern einzubeziehen.

Dellios: Dass die Eltern den Einstufungsvorschlag mittragen können, setzt voraus, dass sie über das Geschehen in der Schule gut informiert sind. Um es noch einmal zu sagen: Diese Informiertheit sollte sich nicht nur auf die Zeugnisnoten beschränken, sondern generell auf die schulischen Arbeitsprozesse. Dabei spielen auch überfachliche Kompetenzen eine Rolle.

Wie sieht es aus Sicht des Kindes aus?


Dellios: Das Kind sollte sich gefördert und gefordert fühlen. Für die Motivation ist es ganz zentral, dass es Erfolgserlebnisse hat. Es kann sein, dass ein Kind, das in die Sek B kommt, und das ist für den Selbstwert keine einfache Situation, jetzt bessere Noten hat als vorher in der Primarschule und nun zu den Guten gehört. Das kann das Selbstvertrauen auch stärken.

Steiner: Sich gefördert und gefordert fühlen heisst für die Jugendlichen auch, dass sie mit regelmässigen Standortgesprächen begleitet werden. Dabei sollen sie die Sekundarstufe als durchlässig und dynamisch erleben. Ein Auf- oder Abstieg oder ein Wechsel in unterschiedliche Niveaugruppen ist immer wieder möglich – das ist eine ganz wichtige Botschaft.

   
     

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In der vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Längsschnittstudie «Transition» untersuchten Forschende der Universität Zürich und der Pädagogischen Hochschule, wie sich im Kanton Zürich die Unterstützung der Eltern auf das Selbstvertrauen, die Lernmotivation und die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler auswirkt. Im Zentrum steht dabei die Zeit des Übertritts von der Primarschule in die Sekundarstufe I. Während des Erhebungszeitraums von 2008 bis 2013 fanden neben schriftlichen Befragungen auch zahlreiche Einzelinterviews mit Lehrpersonen, Eltern und Schülerinnen und Schülern statt.

Erich Steiner war operativer Leiter der «Transition»-Studie. Seine Dissertation auf der Grundlage der Transition-Daten steht kurz vor dem Abschluss. Darin behandelt er das elterliche Unterstützungshandeln während eines unsicheren Übertritts in die Sekundarschule. Im Rahmen der Studie ist eine ganze Reihe von Abschlussarbeiten zu Teilfragen entstanden, darunter die Lizenziatsarbeit der ehemaligen Mittelstufenlehrerin und Schulleiterin Zoi Dellios. Sie untersuchte die Praktiken von Lehrpersonen bei Übertrittsgesprächen. Beide sind Dozierende für Erziehungswissenschaft an der PH der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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