«Das Wichtigste ist die Beziehung»

06.01.2017 - Mitteilung

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Worauf baut Erziehung? Warum geraten manche Jugendliche auf Abwege? Und was können Lehrpersonen tun? Jugendpsychologe Philipp Ramming gibt Antworten.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Hannes Heinzer
 

Sie haben in einem Interview gesagt, Erziehen sei Scheitern in Raten – ist das eine Bankrotterklärung?

In bestimmten Fällen könnte man wohl von einer Bankrotterklärung sprechen – wenn die Erziehung eines Menschen gescheitert ist, weil jene, die dafür zuständig waren, ihren Job nicht gemacht haben. Meistens nicht absichtlich. Aber eigentlich habe ich diese Aussage versöhnlich gemeint: Erziehung kann nie perfekt sein. Kinder entwickeln ihre eigene Persönlichkeit. Dies bedeutet, dass die eigenen Erziehungskonzepte nie zu hundert Prozent aufgehen können, sondern man sie immer wieder anpassen muss. Darum sollte man Erziehung möglichst entspannt angehen: Man scheitert sowieso. Wichtig ist, dass man diese Aufgabe mit viel Begeisterung und Liebe erfüllt.

Ein beliebtes Sprichwort lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Gibt es eine gesellschaftliche Verantwortung für die Erziehung der Kinder?

Ja, darum reden wir von der Gesellschaft. Gesellschaft meint Gemeinschaft, und diese trägt ihre Mitglieder. Dafür gibt es Regeln, eine Moral, einen Common Sense. In jeder Gesellschaft haben sich Verhaltensnormen entwickelt, die für alle gelten. Und diese versucht man in der Erziehung weiterzugeben, damit Kinder und Jugendliche lernen, sich an diese Normen und Gegebenheiten der Gesellschaft anzupassen. Wobei sich manchmal auch die Gesellschaft bewegen muss, etwa bei Jugendunruhen.

Was passiert bei Jugendunruhen?

Wenn die Gesellschaft träge geworden ist, begehrt die Jugend auf. Darin steckt viel Gestaltungslust: Die Jugend will teilnehmen an der Gesellschaft, Einfluss haben, die eigene Zukunft gestalten. Die Gesellschaft reagiert darauf mit Gegenargumenten: Moment, es gibt auch noch andere Interessen. So entsteht ein Dialog. Das Zitat vom ganzen Dorf bedeutet letztlich, dass die Gesellschaft die Verantwortung für die jungen Menschen übernimmt, ihnen bestätigt, dass man sie wahrnimmt, und ihnen das Gefühl gibt, für voll genommen zu werden, aufgehoben zu sein.

In der Regel rebellieren Jugendliche aber zu Hause, in der Schule, in kleinen Gruppen. Warum ist die Pubertät so schwierig?

Jugendliche merken irgendwann, dass sie selbstständig sind, können aber nicht immer damit umgehen. Sie probieren aus, machen Lebensentwürfe und möchten sich nicht dreinreden lassen. Trotzdem brauchen sie eine gewisse Anleitung. Die dadurch entstehende Reibungsfläche ist wichtig, weil sie den Jugendlichen ein Gefühl gibt für sich selbst. Die Jugendlichen brauchen ein Visavis. Das ist wie bei einem Boxkampf: Wenn der Sparringspartner nicht da ist, lernt man nichts. Und das Wichtigste dabei ist die Beziehung. Kinder lernen in der Beziehung. Auch Schule ist ohne Beziehung nicht möglich.

Auch in der Schule machen manche Kinder Probleme. Mit welchen Anliegen kommen Lehrpersonen zu Ihnen in die Erziehungsberatung?

Zum einen suchen Lehrpersonen Rat, die vieles probiert haben und trotzdem nicht weiterkommen mit einem Kind – weil es Lernschwierigkeiten hat oder ein schwieriges Verhalten an den Tag legt. Zum anderen haben Lehrpersonen teilweise auch Schwierigkeiten mit den hohen Erwartungen und Ansprüchen der Eltern. In allen Beratungssituationen geht es aber um das Kind und um die Frage, wie man dem Kind helfen kann.

Kann man denn jedem Kind helfen? Oder anders gefragt: Wenn ein Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät, wer oder was hat versagt?

Kinder, die sich nicht anpassen können, sind alleingelassen worden. Sie sind aufgewachsen ohne Bezug, ohne Verpflichtung, ohne gelernt zu haben, was es heisst, Respekt zu haben gegenüber Mitmenschen, gegenüber Dingen oder Regeln. Lehrer haben ein gutes Gespür für die Kinder. Wenn sie diesem vertrauen und zum richtigen Zeitpunkt beschliessen, dass gehandelt werden muss, hat das Kind vielleicht eine Chance. Das Problem: Wir alle schauen heute aufgrund gewisser Schonkonzepte nicht mehr genau hin.

Von welchen Schonkonzepten sprechen Sie?

Wir reden beispielsweise von Migranten oder von Kindern mit Migrationshintergrund. Mit einem solchen Begriff nimmt man den Betroffenen die Individualität. Es geht um Kosovaren, Marokkaner, Nigerianer, Italiener, Portugiesen … Diese Jugendlichen haben unterschiedliche Backgrounds. Und ein anderer zentraler Punkt: Wenn solche Jugendliche Probleme haben, handelt es sich in der Regel um Unterschichtsprobleme. Aber davon spricht man heute nicht mehr. Stattdessen verwendet man beschönigende Begriffe. Ein Migrant ist nie der Sohn eines Managers aus Amerika. Das ist ein Expat. Der Begriff Migrant ist gut gemeint, ist aber eine soziale Klassifizierung. Davon müssen wir wieder wegkommen, damit wir genauer hinschauen können.

In welchem Sinn?

Wenn solche Jugendliche Probleme haben, geht es immer um Lebensgeschichten und Lebenssituationen des Einzelnen. Dabei trifft man häufig auf begrenzte Lebensmöglichkeiten der Eltern. Weil in diesen Familien beide Eltern arbeiten müssen, weil sie in Gegenden mit anderen Unterschichtsfamilien wohnen und oft innerhalb der eigenen Kultur bleiben, weil sie den Schritt in die Gesellschaft nicht geschafft haben und dadurch den Kindern nicht die nötige Unterstützung bieten können, damit diese sich in dieser Gesellschaft zu Hause fühlen. Nur wenn wir solche Dinge beim Namen nennen, können wir den betroffenen Menschen helfen. Das gilt übrigens auch für Flüchtlingskinder.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel aus meiner Tätigkeit: Die Kinder einer Flüchtlingsfamilie hatten Probleme, sich bei uns anzupassen. In einem solchen Fall erklärt man sich das Verhalten schnell mit einer posttraumatischen Belastungsstörung infolge der Flucht. Bei genaueren Abklärungen hat sich aber herausgestellt, dass die Lebensumstände dieser Familie schon vorher kompliziert waren, unabhängig von der Situation in ihrem Land. Die Symptome hatten die Kinder schon dort gezeigt. Dank dieser Erkenntnis ergaben sich andere, individuellere Formen der Hilfe. Und je massgeschneiderter die Hilfe ist, desto effizienter ist sie.

Wird also Ihrer Meinung nach zu wenig genau hingeschaut?

Sicher nicht generell. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, genau hinzuschauen, dass es schade ist, wenn man sie nicht ausschöpft. Lehrpersonen sollten ihrem Gefühl folgen und bei Bedarf die Angebote nutzen, die es heute für sie gibt. Ein Schulsozialarbeiter beispielsweise hat andere Möglichkeiten, um hinzuschauen, als eine Lehrperson. Und ist vernetzt mit Schulpsychologen und Heilpädagogen. Wenn diese Fachleute gemeinsam nach Lösungen suchen, kann man etwas bewirken.

Wie können Lehrpersonen merken, dass ein Kind ein grundlegendes Problem hat?

Ein Alarmzeichen ist sicher, wenn Lehrer das Gefühl haben, ein Kind nicht zu erreichen, keine Beziehung zu ihm aufbauen zu können. Oder wenn sie mit den Eltern des Kindes Lösungen festlegen, diese aber nicht funktionieren, weil man auch die Eltern nicht erreicht – das heisst, wenn keine Verbindlichkeit möglich ist. Die Eltern versprechen vielleicht tausend Dinge, halten sie aber nicht ein. Um solche Kinder genau zu beobachten, fehlt allerdings oft der rote Faden.

Welcher rote Faden?

Die konstante Begleitung von Kindern, die den Lehrpersonen Sorgen machen, wäre wichtig. Dazu braucht es den Austausch über die Stufen hinweg und auch nach Lehrer- oder Schulwechseln. Das passiert aber oft nicht. Jeder Lehrer will den Kindern vorurteilsfrei begegnen können, sich selbst ein Bild machen. Dies führt dazu, dass jede Lehrerin, jeder Lehrer wieder von Neuem versucht, die Konzepte anzuwenden, die schon beim letzten Lehrer nicht zum Ziel geführt haben. Und irgendwann ist der Zug abgefahren. Ich übertreibe jetzt etwas, aber Informationen weiterzugeben, ist ganz zentral, um rechtzeitig handeln zu können.

Was ist mit dem Datenschutz?

Wenn Kinder betroffen sind, ist Datenschutz fatal. Schulen müssen relevante Informationen über ihre Schüler haben. Dass man damit sorgfältig umgehen muss, weiss man heute. Auch die Bereitschaft, externe Fachleute beizuziehen, ist gewachsen. Das bedeutet nicht, dass man immer alles über ein Kind wissen muss. Aber wenn ein Kind nicht mitkommt und immer wieder negativ auffällt, ist es wichtig, dass eine neue Schule oder eine neue Lehrperson Bescheid weiss – zum Schutz des Kindes.

Jugendliche hauen oft etwas über die Schnur. Wie bewältigt man den Spagat zwischen «ausprobieren lassen » und «schützen»?

Es ist nicht immer einfach auszuhalten, wenn Jugendliche etwas ausprobieren und dabei vielleicht auf die Nase fallen. Der Spagat ist jedoch besser zu bewältigen, wenn eine Beziehung besteht und man darauf vertrauen kann: Das Kind kennt eigentlich die Grenzen, auch wenn es immer wieder daran rüttelt. Kinder und vor allem Jugendliche arbeiten mit dieser Grenze wie mit einem Stück Holz. Wenn Jugendliche um die Grenzen wissen, können sie beim Austesten eigene Massstäbe entwickeln in Bezug auf die Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Und natürlich muss es Konsequenzen haben, wenn sie die Grenzen überschreiten.

Sie meinen Strafen?

Genau. Die Kinder haben ein Anrecht auf ein Echo – auf ein Donnerwetter, auf Eltern, die wütend sind, die auf sie reagieren –, mit welchen Sanktionen auch immer. Aber es muss klar sein: Die Reaktion betrifft die Handlung des Kindes, und die Strafe erfolgt im Rahmen einer lang andauernden Beziehung. Sie betrifft nicht die Beziehung selbst oder das Kind als Person. Das Motto lautet: «Dich mag ich, aber was du gemacht hast, mag ich überhaupt nicht.» Dann kann das Kind die Strafe einordnen und weiss, die Eltern stehen trotzdem hinter ihm.

Wenn alles schiefgelaufen ist und Jugendliche in einem Heim oder im Strafvollzug landen – wie kann es gelingen, mit ihnen eine solche Beziehung aufzubauen, damit sie den Weg zurück in die Gesellschaft finden?

Der englische Kinderpsychiater John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, hat festgestellt, dass besonders schwierige Jugendliche sich dann bessern – also besser mit sich selbst wie auch mit anderen umgehen können –, wenn eine Institution langjährige Mitarbeiter hat, die auch stark genug sind, um dem «Sturm» dieser Jugendlichen etwas entgegenzusetzen, also ein Sparringspartner zu sein. Ein weiterer wichtiger Punkt: Solchen Jugendlichen fehlt es oft an sozialen Fertigkeiten: Wie geht man mit Stress, mit Frustration, mit Druck um? Dafür braucht es soziale Trainingsprogramme.

Soziale Kompetenzen lernt man auch in der Schule, warum greifen diese bei gewissen Jugendlichen offenbar nicht?

In der Schule geht man von bereits bestehenden Kompetenzen aus, bei denen man einhängen kann. Diese Kompetenzen müssen die Kinder von zu Hause mitbringen. Ist dies nicht der Fall, kann die Schule nur beschränkt korrigierend wirken. Eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen, in denen diese solche Kompetenzen entwickeln können, ist für die Angestellten solcher Institutionen ein ausgesprochen harter Job, weil sie quasi bei null beginnen müssen.

Eine zentrale Rolle für die Reintegration spielt die Berufsbildung. Warum gibt sie den Jugendlichen Halt?

Ein Beruf ist eine Tätigkeit, in der man wirksam ist und etwas dafür bekommt – einen Lohn. Das hilft, ein Selbstwertgefühl aufzubauen, das diesen Jugendlichen oft fehlt. Ausserdem haben die meisten dieser jungen Leute nie gelernt zu arbeiten, mit dem Unlust-Gefühl, das Arbeit manchmal auslöst, umzugehen. Den Frust in Arbeitsleistung umwandeln zu lernen, ist ein wesentlicher Teil der Sozialisation. Letztlich geht es um die Triebkontrolle und um die Umwandlung der Triebe in Handlungen und Leistung. Also nicht nur egoistisch zu funktionieren, sondern mit der inneren Welt, dem inneren Drama fertigwerden zu können.

 
Philipp Ramming (60) ist Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie FSP. Seit 2012 steht er als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinderund Jugendpsychologie vor. Er arbeitet als Erziehungsberater und Schulpsychologe in Bern.

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