Das grösste Klassenzimmer der Welt

12.05.2017 - Mitteilung

Zurück zu Schulblatt

Ein Praktikum in China oder Südafrika? Für Lernende der Firma Bühler AG in Uzwil kein Traum. Und während sie im Ausland arbeiten, können sie dank modernster Technik weiterhin die hiesige Berufsfachschule besuchen.

Text: Walter Aeschimann Foto: zvg

Der Unterricht begann für Marvin Wirth jeweils um 6 Uhr. Er schaltete die Kameras ein, die beiden Videobildschirme im Telepräsenzraum und seinen digitalen Notizblock auf dem Tablet. Dann sah er Lehrperson und Klassenkameraden im Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil- Uzwil (BZWU). Und diese sahen ihn. In Uzwil war es allerdings bereits 13 Uhr. Einmal in der Woche war der junge Mann online aus Minneapolis (USA) mit der Schweiz verbunden – dank ausgeklügelter Technologie. Was er in den Morgenlektionen verpasste, holte er im Selbststudium nach. «Wir mussten selbstständiger arbeiten. Aber es war richtig spannend», beschreibt er die Erfahrung mit dem virtuellen Klassenzimmer. ClassUnlimited 2.0. Willkommen im grössten Klassenzimmer der Welt!

Marvin Wirth lernt im vierten Jahr Polymechaniker bei der Firma Bühler AG in Uzwil. Vor Kurzem weilte er für sechs Monate am Bühler Produktionsstandort in Minneapolis. Die Firma hält weltweit führende Marktpositionen in Technologie sowie in Verfahren für die Getreideverarbeitung zu Mehl und Futtermitteln, aber auch für die Herstellung von Pasta oder Schokolade. Der Schweizer Technologiekonzern hat acht Produktionsstandorte mit 12 000 Mitarbeitenden und 600 Lernenden, davon rund 300 in der Schweiz. 98 Prozent der Produktion sind für den Export bestimmt.

«Unser Unternehmen hat ein grosses Interesse, die internationale Mobilität der Lernenden zu fördern. Aber ohne den Unterricht der Berufsfachschule funktioniert das nicht», sagt Andreas Bischof, Leiter Berufsbildung. Darum wurde das Projekt ClassUnlimited 2.0 entwickelt. Seit 2012 konnten bereits 75 Lernende an sechs Destinationen auf vier Kontinenten vom virtuellen Klassenzimmer profitieren. «Unsere Lernenden bringen bezüglich Arbeitserfahrung im Ausland viel mehr mit als Hochschulabsolventen. Sie haben die Interkulturalität schon in sich.»

Keine Technologie ab Stange

Vor neun Jahren übernahm Andreas Bischof, gelernter Maschinenzeichner und einstiger Berufsfachschullehrer, die Leitung der Berufsbildung. Er hatte von der Konzernleitung die Vorgabe erhalten, ein Konzept zu entwickeln, das es ermöglichen sollte, Lernende temporär ins Ausland zu entsenden, «ohne dass sie die Lehre unterbrechen müssen oder einen Nachteil erleiden». Am Standort Wuxi, im Osten Chinas, begann 2008 das Projekt. Fünf Lernende arbeiteten acht Wochen lang am dortigen Bühler-Produktionsstandort. Fünf Wochen entfielen auf die Sommerferien, die restlichen drei Wochen mussten vor- und nachgearbeitet werden. Dadurch hatten die Lernenden keinen Nachteil bezüglich Schulstoff. Das Modell war jedoch nicht optimal, wenn die Lernenden länger im Ausland arbeiten sollten.

Die erste Idee war, Blockunterricht vor Ort zu erteilen. Eine Lehrperson sollte periodisch für jeweils zwei Wochen an den jeweiligen Standort fliegen. Dies schien jedoch aufwendig und ökologisch wenig sinnvoll. Im Jahr 2011 dehnte Bühler den Einsatz von Lernenden auf die Standorte Johannesburg (Südafrika) und London aus. Zwei Jahre später kamen die USA und Indien hinzu. Nach der Auswertung der ersten Erfahrungen mit China wurde die Idee mit der Telepräsenz verfolgt. «Das Problem war, dass diese Technologie nicht im Media Markt zu kaufen war. Sie musste erst entwickelt werden», erzählt Bischof. In Kooperation mit dem BZWU entwickelte Bühler eine optimale Technologie.

Die Unterrichtsumgebung in Uzwil wurde mit zusätzlicher multimedialer Infrastruktur ausgerüstet. Die Klasse befindet sich mit ihrer Lehrperson im Schulzimmer, in der sogenannten Basisstation. Die Lernenden, die im Auslandeinsatz sind, werden im Grossformat über ein Videosystem aus dem sogenannten Satelliten zugeschaltet. «Das funktionierte technisch tadellos. Wir waren derart stolz auf die Technologie, dass wir aber vergessen haben, die Lehrer besser einzubinden.» Mit weiteren Bildschirmen und Kameras wurde das Problem gelöst. Dank der runden Lernarena haben nun alle eine ideale Sicht auf die Lehrperson, ihre Mitschüler und den Lerninhalt. Gleichzeitig können zwei Satelliten zugeschaltet werden. 2013 wurden Lernende zum ersten Mal aus China und Südafrika gemeinsam mit ihrer Klasse in der Schweiz unterrichtet. Ein Jahr später erfolgte der Unterricht bereits über 14 Zeitzonen hinweg in den Ländern China, USA und England.

Unterricht neu gedacht

Das Projekt hat Bühler rund eine halbe Million Franken gekostet. Auf der Suche nach Partnern, die es mitgetragen hätten, meldeten verschiedene Firmen ihr Interesse an. Die Anfragen versandeten jedoch in den Chefetagen. Nicht so, als Bühler bei der BZWU vorstellig wurde. Für Prorektor Felix Tschirky ist das Projekt ein grosser Fortschritt in der Berufsbildung. «Bisherige technologische Lernsysteme unterstützen das individuelle und zeitunabhängige Lernen. Mit ClassUnlimited bleiben die Lernenden in der gewohnten Umgebung der Klassengemeinschaft, ganz egal, wo auf der Welt sie sich gerade befinden. » Auch Berufsfachschullehrer Roger Hollenstein findet die Technik interessant: «Wir haben sogar die Möglichkeit, separat Gruppenarbeiten nur mit den Lernenden in China durchzuführen. Selbst die Aussenstellen können unter sich separat arbeiten.»

Nicht nur technisch ist ClassUnlimited durchdacht. Es beinhaltet auch neue pädagogische Ansätze. Ralph Kugler, Professor an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, verrät das didaktische Konzept: «Der Unterricht wird als sogenanntes Flipped-Classroom-Konzept, als umgedrehter Unterricht, neu gedacht. Die Lerninhalte erarbeiten die Schüler individuell zu Hause, nicht mehr in der Schule. In der Klasse geschieht die Anwendung im Dialog mit der Lehrperson und den Schülern der Basisstation und den Satelliten. » Im Grunde, findet Andreas Bischof, müsste sich der Unterricht grundsätzlich in diese Richtung bewegen. Für ihn ist es «nicht einfach Fernsehschauen. Lehrperson und Lernende haben viel mehr und neue Aktivierungsmöglichkeiten als im normalen Unterricht.» Für das innovative Projekt wurde Bühler 2014 mit dem sogenannten Leonardo Corporate Learning Award ausgezeichnet. Im selben Jahr liess sich Jill Biden, die Gattin des damaligen US-Vizepräsidenten, die Bühler-Berufsausbildung und das virtuelle Klassenzimmer vor Ort erklären.

Sich selber organisieren

Andrin Holenstein lernt im dritten Lehrjahr Kaufmann. Er war letztes Jahr zwei Monate in Joinville am Bühler-Standort im Süden von Brasilien. Dort gibt es noch kein virtuelles Klassenzimmer. Lehrperson und Lernende schickten sich den Schulstoff jeweils online hin und her. Für Holenstein, der gerne Fussball und Saxofon spielt, sind aber andere Erfahrungen zentral. «Ich bin viel selbstständiger geworden und habe eine andere Mentalität und Kultur erfahren als jene in der Schweiz.» Er musste nun selber kochen, einkaufen, sich in einer fremden Sprache verständigen, Arbeitskontakte knüpfen oder die Freizeit organisieren. Mit den Lieben zu Hause bleiben die Lernenden via soziale Medien, Skype und ein Online- Tagebuch verbunden. Vor Ort ist für die Unterkunft gesorgt. Eine Ansprechperson sorgt sich um die Integration am Arbeitsplatz, zeigt, wo Brot und Joghurt zu kaufen sind oder wo es Freizeitmöglichkeiten gibt. Die Firma Bühler begrüsst es auch, wenn Eltern ihre Kinder vor Ort besuchen.

«Das Projekt», erklärt Andreas Bischof, «soll auch eine Motivation für Lernende sein und eine gewisse Loyalität zur Firma fördern.» Die beiden Lernenden Wirth und Holenstein streben nach der Lehre einen Auslandseinsatz an. Etwa jeder dritte Lernende, der sich für das Praktikum interessiert, wird berücksichtigt. Zwingend ist, dass neben den Eltern auch die Berufsfachschule einverstanden ist. Für die Firma Bühler gilt es danach einiges vorzubereiten: Visa, Impfungen, Fremdsprachenunterricht etc. Vor jedem Semester findet zudem ein Elternabend statt, an dem die Verantwortlichen informieren und Eltern letzte Fragen stellen können. An diesem Abend werden die Eltern jener Lernenden anwesend sein, die im kommenden Semester ins Ausland reisen. Marvin Wirth und Andrin Holenstein werden ihre Erfahrungen schildern. Andreas Bischof erwartet, dass nach dem Terroranschlag von London auch Fragen zur Sicherheit gestellt werden, vor allem von jenen Eltern, deren Kinder nach London reisen. «Wir unternehmen alles für die Sicherheit der Lernenden», betont er, «eine absolute Sicherheit wird es aber nicht geben.»

 

Globale Firmen fördern Auslandspraktika

In den vergangenen Jahren haben global ausgerichtete Schweizer Unternehmen begonnen, Lernenden einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Die EMS-Gruppe in Domat/Ems entsendet seit 2012 jeden Sommer zehn bis zwölf Lernende aus allen 13 Lehrberufen für maximal drei Monate ins Ausland. Besonders beliebt unter den 26 Produktionsstandorten seien die USA und mehrere Standorte in China. Die Vermittlung des Schulstoffs und Prüfungen werden über Kommunikationsmittel wie Internet, Skype, Mail und Telefon sichergestellt, um den Ausbildungserfolg nicht zu beeinträchtigen. Die Swatch Group in Biel ermöglicht seit mehr als zehn Jahren Uhrmacherlehrlingen einen zweiwöchigen Aufenthalt in Deutschland. Seit 2014 bietet sie Lernenden Stages von bis zu drei Monaten in Berlin, Paris und Hongkong an. Die Aufenthalte werden auf die Sommerferien gelegt. Für den Stage in Hongkong werde mit der Berufsfachschule ein spezielles Distance-Learning-Programm aufgestellt mit Selbststudium und Klassenunterricht über Skype. Im letzten Jahr erhielt eine Gruppe von Lernenden der SFS Group AG in Heerbrugg erstmals die Chance, als Teil ihrer Ausbildung einen fünfwöchigen Aufenthalt im Werk in Medina, USA, zu absolvieren. In diesem Sommer soll der Aufenthalt bis zu acht Wochen dauern. Das Zeitfenster werde in Absprache mit der Berufsfachschule gewählt und auf die Sommerferien gelegt.

Zurück zu Schulblatt