Besser Fuss fassen an der Mittelschule

12.05.2017 - Mitteilung

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Damit mehr Schülerinnen und Schüler die Probezeit bestehen, hat die Kantonsschule Zürich Nord ein ganzes Paket unterstützender Massnahmen entwickelt.

Text: Jacqueline Olivier Foto: Olivier Knöpfli, KZN

Der Übertritt von der Volks- an die Mittelschule bedeute für viele Schülerinnen und Schüler eine grosse Umstellung, sagt Andreas Niklaus, Rektor der Kantonsschule Zürich Nord (KZN). Parallel dazu müssten sich die Jugendlichen in der Probezeit bewähren. Eine Doppelbelastung, mit der nicht alle gleich gut umgehen können. Dies zeigt sich an der Zahl jener, welche die Probezeit nicht bestehen.

«An unserer Schule ist diese Zahl relativ hoch», erklärt Andreas Niklaus, «sie zu senken, ist uns ein grosses Anliegen, stellt aber eine Herausforderung dar.» Die Problematik sei vielschichtig, fährt der Rektor fort. In Bezug auf die KZN erachtet er das Einzugsgebiet der Schule als einen wichtigen Faktor. «Wir befinden uns in einem multikulturellen Umfeld, unsere Schüler haben sehr unterschiedliche Backgrounds.» Entsprechend variieren auch die Ressourcen, über die die Schüler verfügen. Während die einen aus gut situierten und bildungsnahen Familien stammen, kommen andere aus sozial schwächeren Elternhäusern, viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. «Dank der Vorbereitungskurse, die an den Volksschulen angeboten werden, haben sie zwar die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule bestanden, doch für die Zeit danach existieren keine offiziellen Angebote.» Private Kurse, wie sie andere Schüler teilweise besuchen, können sich diese Familien nicht leisten, selber sind manche Eltern überfordert, oft genug hat das Kind zu Hause nicht einmal ein eigenes Zimmer, um in Ruhe lernen zu können.

Am Kurzgymnasium kommt der schulische Rucksack hinzu, dessen Inhalt bei Absolventen der Sekundarschule und jenen des Untergymnasiums alles andere als einheitlich ist. «Das Vorwissen in vielen Klassen ist sehr heterogen, und jeden Schüler dort abzuholen, wo er steht, ein Ding der Unmöglichkeit.»

Schüler coachen Schüler

Aufgrund der komplexen Ausgangslage hat man an der KZN ein Massnahmenpaket geschnürt, mit dessen Hilfe die Probezeitsituation entspannt werden soll. Ein Kernelement ist die sogenannte Coaching- Stunde, die für Schülerinnen und Schüler des Kurzgymnasiums und der Fachmittelschule während der Probezeit einmal wöchentlich im Stundenplan integriert ist. In dieser Stunde arbeiten die Jugendlichen still an ihren Aufgaben oder bereiten Prüfungen vor – in Mathematik und den Sprachfächern – und werden dabei von älteren Schülern unterstützt. Damit werde gleichzeitig der Solidaritätsgedanke gestärkt, meint Andreas Niklaus. «Die älteren Schüler haben von der Schule bereits profitiert und können nun etwas zurückgeben, indem sie sich für die jüngeren engagieren. Ausserdem ist es auch für sie lehrreich, wenn sie den jüngeren etwas erklären.» Allerdings brauchen die Coachs eine entsprechende Empfehlung ihrer Fachlehrperson.

Seit zwei Jahren ist die Coaching-Stunde Bestandteil der Probezeit. Eine erste Evaluation zeigt, dass rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nach der Probezeit erklären, die Stunde habe ihnen geholfen, ein weiteres Drittel findet sie zwar gut, kann aber nicht sagen, ob sie eine Auswirkung auf ihre Leistungen hatte, und ein Drittel ist der Meinung, die Stunde habe nichts gebracht. «Wenn nun die 30 Prozent, die sich dank des Coachings verbessern konnten, jene Schüler sind, die auf der Kippe standen, haben wir unser Ziel erreicht», stellt der Rektor fest.

Etwas anders gestaltet sich die Unterstützung auf der Unterstufe. Für diese Schüler wurde vor einigen Jahren eine Aufgabenstunde eingeführt, denn für sie gehe es vor allem darum, einen Ort zu haben, wo sie in Ruhe ihre Aufgaben erledigen könnten. «Das heisst auch, sich einfach einmal eine Stunde lang ohne irgendwelche Ablenkung – etwa durch das Handy – auf eine Arbeit zu konzentrieren.» Beaufsichtigt werden sie dabei von Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen der Fachmittelschule Pädagogik. Für diese angehenden Lehrpersonen sei es eine Chance, im Rahmen der Aufgabenstunde mit den Kindern in Kontakt zu kommen.

Austausch mit der Volksschule

Die Bemühungen der Schule scheinen nun erste Früchte zu tragen, wurden doch im laufenden Schuljahr insgesamt weniger Rückweisungen während der Probezeit vorgenommen. Dazu beigetragen haben wohl auch die weiteren Massnahmen wie etwa die Repetitionslektion im Fach Englisch während der Probezeit für jene Klassen des Kurzgymnasiums, in welchen die vormaligen Sekundarschüler sitzen. Dafür verzichtet die Fachschaft Englisch auf den vorgesehenen Halbklassenunterricht in einem späteren Semester. Ausserdem hat die Schulleitung die Fachschaften des Kurzgymnasiums beauftragt, die Themenabfolge dahin gehend anzupassen, dass im ersten Semester Themen aufgegriffen werden, die für alle Schüler, also auch für jene des Langgymnasiums, neu sind, um gleich lange Spiesse zu schaffen.

Von allen Lehrpersonen wird überdies erwartet, dass sie mindestens alle drei Jahre einen Unterrichtsbesuch an einer Primar- oder einer Sekundarschule einplanen, umgekehrt sollen auch Lehrpersonen der Volksschule die Möglichkeit eines Unterrichtsbesuchs an der KZN erhalten. Dieser Austausch habe man früher bereits an der Kantonsschule Oerlikon gepflegt, erzählt der Rektor, er sei jedoch mit der Zeit etwas eingeschlafen und werde nun reaktiviert. «Durch solche Besuche möchten wir das gegenseitige Verständnis fördern, was letztlich den Schülern beim Stufenübertritt zugutekommt.»

Sich auf den Übertritt vorbereiten

Dies sind nur einige der Pfeiler, auf denen das Konzept der Schule abgestützt ist, das die Aufmerksamkeit im Übrigen nicht ausschliesslich auf die Probezeit richtet. Für einfach und günstig buchbare Nachhilfe über die Probezeit hinaus steht beispielsweise die Coachingbörse zur Verfügung, in die sich Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen mit entsprechender Empfehlung ihrer Fachlehrer eintragen lassen können.

Gleichzeitig steht für die Schulleitung fest, dass ein möglichst erfolgreicher Start an der Mittelschule bereits vor dem effektiven Übertritt beginnt. Deshalb wurde die Informationsveranstaltung für die Eltern der neuen Schülerinnen und Schüler des Kurzgymnasiums dieses Jahr erstmals unmittelbar nach den Frühlingsferien und gemeinsam mit Lehrpersonen der Sekundarschule durchgeführt. Wie Andreas Niklaus betont, ging es darum, die Eltern für den bevorstehenden Übertritt zu sensibilisieren und ihnen klarzumachen, dass sich ihre Kinder nun trotz bestandener Aufnahmeprüfung nicht zurücklehnen dürfen, sondern bis zu den Sommerferien weiterlernen sollten. Die anwesenden Vertreter von Volks- und Mittelschule erklärten, wie sich die Jugendlichen auf diesen Übertritt vorbereiten können, ausserdem machten die Vertreter der KZN auf die Probezeit-Angebote der Schule aufmerksam. Namentlich auf das Coaching im Kurzgymnasium, für das im kommenden Schuljahr eine Änderung ansteht: Bisher haben alle Schülerinnen und Schüler diese Stunde im ersten Quartal besucht, konnten sich aber nach den Herbstferien abmelden. Neu müssen sich jene, welche die Stunde in Anspruch nehmen möchten, vor den Sommerferien verbindlich anmelden, eine Abmeldung ist danach nur noch in Ausnahmefällen möglich.

Diesen neuen Ansatz findet Michèle Egli gut. Die Fünftklässlerin war im vergangenen Herbstsemester als Coach tätig – «weil ich gerne helfe, wenn ich kann». Obwohl sie bereits seit einer Weile als Nachhilfelehrerin tätig ist, war es für sie eine neue Erfahrung, zusammen mit einer Kollegin eine ganze Klasse zu unterstützen. Da seien natürlich nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermassen motiviert gewesen. «Einige haben die Zeit einfach abgesessen und sind nach den Herbstferien nicht mehr gekommen.» Andere hätten vom Coaching durchaus profitiert. «Das sagten sie uns zwar nicht direkt, aber ich habe es gemerkt, wenn sie etwas verstanden haben, und manchmal kam dann auch ein ‹Danke› zurück.»

Von «machbar» bis «sehr streng»

Martin Fähnrich gehört zu den Schülern, die ihre Probezeit im Februar erfolgreich abgeschlossen haben. Vom Coaching hatte er sich aber nach den Herbstferien abgemeldet. Er habe oft nicht genug zu tun gehabt in dieser Stunde, erklärt er, und sowieso lerne er lieber allein. Die Probezeit findet er «machbar», auch wenn man erst das «Gymifeeling» bekommen müsse. Neu war für ihn vor allem, in jedem Fach einen anderen Lehrer, eine andere Lehrerin zu haben. An den Stil jeder einzelnen Person – namentlich in Sachen Prüfungsgestaltung – habe er sich gewöhnen müssen.

Ganz anders sieht das Arabella Tood. Die Probezeit empfand sie als sehr streng und das Coaching habe ihr geholfen, diese Zeit zu meistern, sagt sie. Allerdings hat sie es nur in der Mathematik in Anspruch genommen, weil dieser im von ihr gewählten mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil besondere Bedeutung zukomme. «In der Coaching-Stunde konnte ich an den Themen und Aufgaben arbeiten, die für mich wichtig waren, und den Coachs jederzeit Fragen stellen, wenn ich nicht weiterkam.» Die Drittklässlerin kann sich gut vorstellen, später selber als Coach Probezeitschülern zur Seite zu stehen und so ihre positiven Erfahrungen an die Nächsten weiterzugeben.

 

Teilweise hohe Austrittsquoten
In den vergangenen Jahren haben immer mehr Schülerinnen und Schüler die Probezeit im Kurzgymnasium nicht bestanden. Ausserdem variieren die Austrittsquoten an den Lang- wie auch an den Kurzgymnasien von Schule zu Schule stark. Aufgrund dieser Ausgangslage hat die Bildungsdirektion das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich mit einer Studie beauftragt, in der die möglichen Faktoren für einen Austritt während oder am Ende der Probezeit untersucht werden sollten. Die Studie wird im Mai der Öffentlichkeit präsentiert.

Unabhängig davon haben die Zürcher Kantonsschulen in den vergangenen Jahren schulinterne Massnahmen entwickelt, um die Schülerinnen und Schüler beim Übertritt an die Mittelschule bestmöglich zu unterstützen. Viele setzen dabei auf die Vermittlung von Lern- und Arbeitstechniken, sei es in Form eigens dazu bestimmter Lektionen, integriert in Klassenlehrerstunden oder in Blockwochen. Ebenfalls verbreitet sind betreute Aufgabenstunden, Repetitionen in bestimmten Fächern (vorwiegend Mathematik und Französisch), Informationsveranstaltungen für die Eltern – teilweise bereits vor dem Übertritt – oder Deutschförderung für Fremdsprachige.

 

 

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