Beobachten, aber richtig

10.03.2017 - Mitteilung

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Tiere können in der Schule unterschiedliche Rollen spielen. Zu beachten sind aber immer die gleichen Regeln, wie zwei Fachleute der Pädagogischen Hochschule Zürich erklären.

Text: Jacqueline Olivier  Foto: Sabina Bobst 

Der Frühling lockt viele Schulklassen in die Natur, und manch eine Lehrperson holt sich nun auch gern ein Stück Natur ins Schulzimmer: ein paar Hühnereier zum Ausbrüten, einen Bergmolch zum Beobachten, eine Schnecke für kleine Versuche. Tiere im Schulzimmer sind nichts Aussergewöhnliches. Allerdings: Ganz so einfach, wie es klingt, ist die Sache nicht.

«Tiere im Unterricht haben ein grosses didaktisches Potenzial. Es geht aber immer um die Frage, welche Ziele man dabei verfolgt», sagt Josiane Tardent, Dozentin für Fachdidaktik Biologie/Natur & Technik auf Sekundarstufe I an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Einen Bezug zur Natur herzustellen, sei heute grundsätzlich sehr wichtig, fährt sie fort. «Dies kann man beispielsweise mittels Freilandbeobachtungen direkt vor der Haustüre machen oder indem man wissenschaftlich geführte Zoos oder Tierparks besucht, die auch didaktisches Material zur Verfügung stellen. Oder man kann ein Tier für eine bestimmte Zeit in die Schule holen, was eine viel intensivere Beobachtung ermöglicht.»

In diesem Fall rückt laut der Fachbereichsleiterin Naturwissenschaften und Technik auch die artgerechte Tierhaltung ins Zentrum. Stehen beispielsweise ganz viele Kinder gleichzeitig um das Tier herum, kann sich dieses gestört fühlen und in Stress geraten. Dies zu thematisieren und entsprechend zu handeln ist ein pädagogischer Ansatz. Markus Vetterli, Dozent für Mensch und Umwelt mit Schwerpunkt Naturwissenschaften auf der Primarstufe, findet, solche Aspekte sollten mit Vorteil im Voraus angesprochen werden. Wie überhaupt die Haltung eines Tiers im Schulzimmer eine gewisse Vorlaufzeit benötigt. Ein Aquarium beispielsweise muss bereits mehrere Wochen vor dem Einzug seiner Bewohner bepflanzt werden. Wenn Schülerinnen und Schüler dabei einbezogen werden, fängt das Lernen bereits in dieser Phase an.

Hält man Tiere im Schulzimmer, muss für sie ein Ersatzlebensraum gestaltet werden. Je besser dies gelinge, umso genauer lasse sich das Verhalten der Tiere beobachten, betont Markus Vetterli. «Setzt man einen Käfer in eine Dosenlupe, rennt er bloss im Kreis. Das ist nicht besonders interessant.» Wobei man keinen unnötigen Aufwand betreiben müsse. «Will man etwa ein Schneckenterrarium anlegen, rate ich stets, erst einmal eine Grasnarbe abzustechen und in den Behälter zu setzen. Damit hat man schon vieles richtig gemacht.»

Strenger Tierschutz Wie ein Tier zu halten ist, gibt primär das Schweizer Tierschutzgesetz vor, allerdings gilt es nur für Wirbeltiere. Mindestanforderungen sind in der Tierschutzverordnung des Bundesrats festgelegt, etwa betreffend Grösse, Art und Gestaltung von Gehegen für einzelne Tierarten. Für die Umsetzung sind die kantonalen Behörden zuständig, sprich das jeweilige Veterinäramt. Vor einigen Jahren wurden die gesetzlichen Grundlagen verschärft, laut Josiane Tardent existieren aktuell keine speziellen Richtlinien für Schulen. Lehrpersonen, die Tiere in der Schule halten wollen, stehen also in der Pflicht, sich entsprechend zu informieren. Und sobald man mit einem Tier interagiert, etwa Verhaltensexperimente durchführt, ist eine Bewilligung des Veterinäramts vonnöten. Dass solchen Versuchen ethische Grenzen gesetzt sind und man Würde und Wohl des Tieres nicht antastet, ist für die Fachbereichsleiterin klar. Mit Beobachtungsversuchen Positives aufzuzeigen, sollte ihrer Meinung nach sowieso die Grundhaltung sein: «Was kann das Tier?» statt «Was kann es nicht?». Denn die Schülerinnen und Schüler, so Josiane Tardent, sollten ein Tier mit allen Sinnen erleben können – seine Schönheit, sein Verhalten oder seine Entwicklungen.

Filme zur Ergänzung

Im Umgang mit Tieren im Unterricht spielt laut der Fachbereichsleiterin die affektive Seite eine bedeutende Rolle. Natürlich könne man heute über Filme viel lernen, aber gerade in der Sekundarschule kämen viele Schülerinnen und Schüler mit der Natur kaum mehr in Berührung. Die Folge davon: Das Interesse lässt nach. «Direkte Begegnungen mit Tieren wecken Emotionen und damit auch die Neugier.» Eigene Beobachtungen und Filmsequenzen schliessen sich gegenseitig jedoch nicht aus. Denn nicht alles lässt sich immer selber mitverfolgen. Markus Vetterli nennt ein Beispiel: «Bei Bergmolchen kann man, wenn man nichts Grundlegendes falsch macht, sicher das Balzverfahren beobachten. Bei der fast magischen Übergabe des Spermienpakets hingegen wird es schwierig. Es braucht viel Geduld und noch mehr Glück, um dies zu sehen.» Da leisten Aufnahmen von Tierfilmern, die vielleicht tage- oder wochenlang auf diesen Moment gewartet haben und mit der Kamera ganz nah herangegangen sind, als Ergänzung wertvolle Dienste. Entsprechende Filme von hoher Qualität finden sich in Bibliotheken.

Bergmolche, um bei diesem Amphibium zu bleiben, sind als Anschauungsobjekt im Unterricht beliebt. Weil sie vor allem zur Paarungszeit mit ihren leuchtenden Farben hübsch anzuschauen sind und man sie gut für ein paar Wochen in einem Aquarium halten kann. Und sie eignen sich hervorragend, um den Lebenszyklus von Amphibien zu beobachten. Sie sind aber auch geschützt. Für Schulzwecke dürfen sie zwar aus ihrem Lebensraum herausgenommen werden, müssen danach aber wieder am Fangort ausgesetzt werden.

Zusammenhänge verstehen

Auch bei nicht geschützten Tieren ist es nach Ansicht von Josiane Tardent sinnvoll, sie nach dem Einsatz im Unterricht wieder dorthin zurückzubringen, wo man sie geholt hat. Ausser man kann ihnen einen neuen natürlichen Lebensraum anbieten. Etwa einen Teich. Ein solcher findet sich an diversen Schulen. Idealerweise werden Teiche gemeinsam mit den Schülern angelegt und anschliessend auch unterhalten. Für Markus Vetterli ein ideales Naturkunde- Projekt. «Hier wird ein wertvoller Beitrag zum Artenschutz geleistet, unabhängig davon, wie intensiv die Lebensräume für den Unterricht genutzt werden. Und für die Lehrpersonen ist es eine grosse Chance, die Kinder von einer anderen Seite zu erleben, ihnen mal ‹Action› zu bieten beim Schaufeln und Pflanzen.» Vor allem aber bildet ein Teich einen Teil eines Ökosystems, das den Schülern langfristige Entwicklungen und natürliche Zusammenhänge von Tier- und Pflanzenwelt vor Augen führt. Für Josiane Tardent letztlich das A und O des Naturkundeund Technik-Unterrichts. Insbesondere in der Sekundarschule müsse der Fokus auf den systemischen Zusammenhängen liegen und ausserdem der Einfluss menschlichen Einwirkens auf solche Lebensräume thematisiert werden. So komme man über das naturwissenschaftliche Arbeiten mit Tieren und Pflanzen im Ökosystem auf weitergehende Themen wie Umwelt- und Klimaschutz.

Den Grundstein für dieses Verständnis kann man bereits in der Primarstufe legen, obschon es hier primär um die Begegnung mit einem anderen Lebewesen, um den Abbau von Berührungsängsten und die Freude am Tier an sich geht. Durch das Beobachten eignen sich Kinder aber bereits auf dieser Stufe erste wissenschaftliche Fähigkeiten an, die über die Jahre mehr und mehr vertieft werden – auch mithilfe zusätzlicher Recherchen in Sachbüchern oder im Internet. Wichtig sind laut Markus Vetterli ausserdem das schriftliche Festhalten von Regeln oder Pflegeanleitungen sowie das Protokollieren der Beobachtungen – und warum nicht ergänzt mit Zeichnungen?

Kein Selbstzweck

Josiane Tardent plädiert dafür, Tiere nur vorübergehend zum Aufzeigen gewisser Verhaltensweisen und Entwicklungsphasen in die Schule zu holen – etwa, um die Verwandlung von der Kaulquappe zum Frosch zu beobachten. Permanente Haltung findet sie heikel. Aufgrund der vielen Verpflichtungen, die sie mit sich bringe, müsse sie wohl überlegt sein. Bei Kleinsäugern zum Beispiel muss man sich auch um das Sozialleben der Tiere kümmern. Mäuse oder Meerschweine darf man nie allein halten. Und was passiert mit den Tieren während der Schulferien?

Ist man sich über solche Fragen aber im Klaren und geht die Verpflichtung bewusst ein, können auch diese Tiere ihren pädagogischen Zweck erfüllen. Zum Beispiel, indem den Schülerinnen und Schülern gewisse Aufgaben übertragen werden und sie Verantwortung übernehmen für ihre «Haustiere». Und eben nicht nur für ein paar Wochen, bis man vielleicht keine Lust mehr hat. «Da leistet die Schule wichtige Aufklärungsarbeit», sagt Markus Vetterli, «denn leider werden Tiere privat viel zu oft spontan angeschafft und dann wieder irgendwo ausgesetzt, wenn man ihrer überdrüssig geworden ist.»

Kritisch steht Josiane Tardent Lehrpersonen gegenüber, die ihren Hund mitnehmen. Vor allem, wenn er nur irgendwo in der Ecke oder unter dem Pult liegt. «Welche Botschaft vermittelt die blosse Anwesenheit des Tiers den Kindern?» Anders liege der Fall auch hier, wenn der Hund im Unterricht Thema sei oder sogar therapeutisch eingesetzt werde. «Tierhaltung in der Schule sollte immer im Dienste des Lernens stehen, nie Selbstzweck sein», lautet ihr Fazit. Markus Vetterli stimmt ihr bei, betont aber auch, man dürfe das beiläufige Lernen nicht unterschätzen. «Natürlich geschieht solches Lernen zufällig, ist aber trotzdem wertvoll.»

Wissen, Können, Wollen

Zum Schluss wirft er noch einen Blick in die nahe Zukunft – auf den Lehrplan 21. Dessen Kompetenzorientierung basiert massgeblich auf den drei Pfeilern Wissen, Können, Wollen. Genau dies lässt sich seines Erachtens im Umgang mit Tieren in der Schule treffend umsetzen. Um Tiere zu halten, braucht es zunächst das nötige Sachwissen. Ausserdem muss man bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und den Aufwand auf sich zu nehmen (Wollen). Und schliesslich braucht es das Können, um dies alles in die Tat umzusetzen.

 
Das optimale Vorgehen in der Primarschule
• Festlegen der Lernziele / Kompetenzen und Lerninhalte (Lehrplan)
• Sorgfältige Auswahl einer geeigneten Tierart: (regionale) Beschaffung? Haltungsaufwand? Zeitraum und Dauer?
• Die Lehrperson erwirbt sich vor der Beschaffung ein profundes Wissen über das Tier und dessen Bedürfnisse. Sie sorgt für die entsprechenden Ausrüstungen zwecks artgerechter Haltung.
• Kinder werden auf das Tierprojekt vorbereitet: Regeln klären, «Wohnung» wenn möglich zusammen mit den Kindern einrichten, evtl. auch Tiere gemeinsam beschaffen (Suche im Freien, Entdecken des Lebensraums des Tiers).
• Regelmässige und gezielte Beobachtung der Tiere: Die Beobachtungen besprechen, dokumentieren und in den Unterricht miteinbeziehen.
• Pflegearbeiten möglichst mit den Kindern zusammen ausführen. Die Kinder übernehmen dabei zunehmend Verantwortung. Sorgfältige Überwachung ist unerlässlich.
• Einfache Versuche (z.B. «Was frisst das Tier?») sind in Kindergarten (Ausführung: Lehrperson) und Primarschule möglich. Kriterien: Sie sind für das Tier völlig unschädlich und möglichst stressfrei. Erfinden Sie keine eigenen Versuche. Führen Sie nur in der didaktischen Literatur genau beschriebene Versuche durch und probieren Sie diese immer zuerst aus. Wichtig als Regel: kein spontanes Necken/
Stören, um das Tier zu irgendwelchen Reaktionen zu bewegen.
• Aussetzen am Fundort.
Das Wohlergehen der Tiere geniesst in allen Phasen höchste Priorität!
(Quelle: PH Zürich, Skript Team Mensch und Umwelt Eingangsstufe)
Klarer Mehrwert im Unterricht
An den Mittelschulen ist Tierhaltung Alltag. Anders als in der Volksschule werden sie in der Regel nicht nur punktuell für den Unterricht geholt, sondern leben über Jahre in Terrarien und Aquarien in der Schule. Aus einem einfachen Grund: In den Mittelschulen unterrichten mehrere Biologielehrer mehrere Klassen, die Tiere sind also regelmässig im Einsatz. Neben dem naturwissenschaftlichen stehe deshalb auch der tierschützerische Gedanke im Vordergrund, erklärt Patrick Faller, Biologielehrer an der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur und Fachdidaktiker für Biologie an der ETH Zürich. An seiner Schule lebt ein halber Kleintierzoo, etwa 40 Tiere. Vom kleinen Wandelnden Blatt über den grossen Madagaskar-Taggecko, die Zitronenbuntbarsche, die Farbratten oder die Mehlkäfer bis zu den Achatschnecken oder der Königspython. Um die Tiere kümmert sich eine Tierpflegerin, ausserdem können Schülerinnen und Schüler freiwillig als «Gotte» oder «Götti» mithelfen. An anderen Schulen, weiss der Biologe, werden Schüler für diese Arbeit sogar bezahlt.
Für viele Experimente mit Wirbeltieren muss die Lehrperson beim Veterinäramt eine Bewilligung einholen. Das sei ein grosser Aufwand. Den angehenden Mittelschullehrern seines Fachs empfiehlt er den Einbezug von Tieren in den Unterricht trotzdem wärmstens. Weil sie einen deutlichen Mehrwert brächten. Zwar finden immer wieder Schülerinnen und Schüler, Tiere gehörten in die freie Natur oder ein Gehege in der Schule sei zu klein. Das löst dann Diskussionen aus, die für Patrick Faller dazugehören und wichtig sind. Tiere könnten zudem Türöffner sein, vor allem zu den etwas verschlosseneren Jugendlichen, die plötzlich aus sich herauskämen, wenn ein Frosch oder ein Gecko vor ihnen sitze. Und so über diese direkte Begegnung ein Interesse für das Fach und naturwissenschaftliche Zusammenhänge entwickelten.

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