«Ich kämpfe nicht ungern»

06.01.2017 - Mitteilung

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Seit 40 Jahren engagiert sich Markus Truniger für die schulische Integration der Kinder von Migrantenfamilien. Dafür hat er den Bildungspreis 2016 erhalten.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Stephan Rappo

In seinem Büro im Volksschulamt ziehen sich die Regale an den Wänden hoch bis zur Decke, darauf stapeln sich Unterlagen, Ordner reiht sich an Ordner. Auch auf dem Schreibtisch und nicht benötigten Stühlen lagern volle Sichtmäppchen und einzelne Ordner. «Das ist mein Markenzeichen », sagt Markus Truniger, dem der staunende Blick der Besucherin nicht entgeht, und lacht verschmitzt. Zeit, um all das Material anzuhäufen, hatte er genug: über 30 Jahre. 1985 wechselte er vom Schulzimmer in die Bildungsdirektion, in den Bereich «Ausländerpädagogik», wie der Sektor Interkulturelle Pädagogik damals hiess. Als Mann der Praxis sollte er dort seine Erfahrungen einbringen. Mal für zwei Jahre Verwaltungsluft schnuppern, warum nicht, sagte er sich – und blieb hängen. «Ich liebe meine Arbeit», versichert er mit Enthusiasmus, «ich bin ein Fan der Verwaltung im Sinne des öffentlichen Dienstes.»

Dabei hatte er damals an seinem Wirkungsort, dem Schulhaus Limmat im Zürcher Stadtkreis 5, versprochen: «Ich komme sicher zurück.» Dort hatte er sein Thema gefunden. Als Real- und später als Oberschullehrer stand er in Klassenzimmern, in denen zahlreiche fremdsprachige Kinder sassen – in der Oberschule fast ausschliesslich. Es waren zunächst vor allem Kinder von italienischen, später auch von portugiesischen, spanischen und türkischen Arbeitern. «Der Wille, die Kraft und die positive Haltung, mit der diese Familien ihren oft schwierigen Alltag meisterten, haben mich beeindruckt.»

Sonntags zu Gast bei Familien

Als junger Lehrer erlebte er auch viel Dankbarkeit, noch heute erinnert er sich gerne an sonntägliche Einladungen bei Familien seiner Schüler. Denn von Anfang an hatte sich der junge Lehrer für die Jugendlichen engagiert und beispielsweise auf eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern gesetzt. Gemeinsam mit Kollegen im Schulkreis organisierte er Informationsanlässe, an denen Übersetzer anwesend waren. Innerhalb des Schulkreises war er an der Gründung einer Kommission für Ausländerfragen beteiligt – die heute noch besteht und in anderen Schulkreisen Nachahmer fand.Und über die ihn schliesslich die Anfrage der Bildungsdirektion für eine befristete Mitarbeit erreichte. 

Seine erste Aufgabe in der Verwaltung war das Verfassen eines Berichts über die konsultative Mitsprache der eingewanderten Eltern. Auch ging es darum, die Lehrpersonen an Veranstaltungen für das Thema interkulturelle Schule respektive eine Schule für alle zu sensibilisieren. Seine damalige Chefin, die aus der Wissenschaft kam, hatte die Fachstelle aufgebaut. «Ich habe früh geahnt, dass sie noch andere Karrierepläne hatte und nach ihrem Weggang viel Verantwortung auf mich fallen würde», erzählt Markus Truniger, und wieder huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Tatsächlich rückte er schon 1988 zum Leiter des Fachteams auf und startete konkrete Massnahmen und Projekte, etwa erste Empfehlungen zu Deutsch für Fremdsprachige (DfF) sowie Zusatzausbildungen für Lehrkräfte von Fremdsprachigen (ZALF).

Schlüsselprojekt QUIMS

Inzwischen gilt er längst über die Kantonsgrenze hinaus als Experte für schulische Integration. Für seinen unermüdlichen Einsatz, mehrsprachigen, sozial benachteiligten Kindern den Weg in der Volksschule zu ebnen, durfte er Anfang November 2016 den Bildungspreis der Pädagogischen Hochschule und der Stiftung Pestalozzianum entgegennehmen. Sehr überrascht sei er gewesen, sagt er. «Der Anruf des PH-Rektors kam an einem Montagmorgen, da erwartet man alles Mögliche, aber sicher keinen Preis.» Dieser ist die Krönung einer Karriere, die bald zu Ende geht: Ende November 2017 wird Markus Truniger pensioniert. «Dann muss ich hier aufräumen», sagt er und lässt den Blick über seine überquellenden Regale schweifen.

Doch noch redet der Fachstellenleiter im Präsens, wenn er über QUIMS (Qualität in multikulturellen Schulen), DaZ (Deutsch als Zweitsprache), HSK (Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur) oder die Förderung der Literalität spricht. Gerade QUIMS ist ein Schlüsselprojekt seines Sektors. 1999 mit zwei Pilotschulen gestartet, beteiligen sich heute 119 Schulen an dem Programm, das 2005 ins neue Volksschulgesetz aufgenommen wurde. «Wichtig ist immer, was schliesslich im Regelbetrieb läuft, damit alle Kinder mitgenommen werden », sagt der Integrationsexperte, «QUIMS war gleichzeitig ein ‹Labor› für einen konstruktiven Umgang mit soziokultureller Vielfalt, wie er heute die Schulen prägt.»

Grund also, mit Zufriedenheit auf seine Arbeit zurückzublicken. Und nicht der einzige. «Ich hatte viele gute Erlebnisse.» Besonders gefreut habe es ihn immer, «wenn die Schulen mit dem Erarbeiteten etwas anfangen konnten». Was die zahlreichen positiven Feedbacks aus den Schulen sowie die Akzeptanz seitens der Gemeinden bestätigt hätten. Das lag sicher auch an ihm selbst, denn in gewisser Weise hat er sein damaliges Versprechen, wieder zurückzukommen, durchaus eingehalten: Er ist immer nah an der Praxis geblieben, war oft an den Schulen unterwegs.

Daneben haben er und sein Team über die Jahre ein Netzwerk aufgebaut, in dem er sich «vertrauensvoll bewegen» könne. Manche fänden zwar, er sei überengagiert, stellt er lakonisch fest. Das ficht ihn jedoch nicht an. «Wenn man zu schnell aufgibt, bewegt man zu wenig», lautet sein Credo. Klar, immer zu «fighten» sei manchmal anstrengend und man bereite nicht immer allen Freude. «Aber ich kämpfe nicht ungern.»

Passion für Literatur

Darum wird der neue Bildungspreisträger auch nach Beendigung seiner beruflichen Tätigkeit seine Hände nicht in den Schoss legen. «Ein Engagement könnte ich mir vorstellen im Bereich der Nachbarschaftshilfe oder im Unterrichten oder Coachen von Flüchtlingen.» Ausserdem, sagt der Vater dreier erwachsener Kinder von sich, sei er Familienmensch, Wanderer und Leser. Letzteres nicht nur von Zeitungen, sondern auch von Romanen, etwa von arabischen oder afrikanischen Autoren. «Von Romanen lerne ich mehr als von Fachbüchern, das Schillernde und Hybride, das jede Kultur ausmacht, lässt sich am besten über die Literatur entdecken.»

Übrigens: Die Preisübergabe an der PH Zürich am 3. November fand im Rahmen des Hochschultags statt. Das Thema: Flüchtlingskinder. Im Zentrum stand die Frage nach Unterstützungsmöglichkeiten für die Schulen. «Ich musste also auch mitarbeiten, nicht nur den Preis abholen», sagt der Geehrte. Und man hat den Eindruck, das habe ihm durchaus gepasst.
 

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